Ahmed Ibrahim

Weltflüchtlingstag:“Ich möchte etwas zurückgeben“

Ahmed Ibrahim ist 29 Jahre alt und kam vor zwei Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Inzwischen hat er Deutsch gelernt und möchte sich für andere Flüchtlinge einsetzen: Er trifft Eleni Doulianaki, Koordinatorin des Münchener Projekts Ärzte der Welt mobil, und bietet sich spontan als Dolmetscher für Englisch, Französisch, Arabisch und Tigrinya an.

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Ahmed Ibrahim bei einem Einsatz an der Hackerbrücke: Ärzte der Welt mobil versorgt dort Flüchtlinge medizinisch.

8 Fragen an Ahmed

1. Ahmed, woher kommst du ursprünglich?

Ich komme aus Eritrea, einem kleinen Land im Osten Afrikas. Ich bin am 22. Juli 2014 in Deutschland angekommen. Das ist jetzt fast 2 Jahre her. Nach Deutschland bin ich alleine gekommen, meine Familie ist noch in Eritrea. Ich habe viele Geschwister, wir sind insgesamt sieben Kinder. Ich bin der Älteste. Der Kontakt zu meiner Familie ist mir sehr wichtig, etwa ein bis zwei Mal im Monat telefoniere ich mit ihnen.

2. Wie lange hat deine Reise von Eritrea nach Deutschland gedauert?

Das ist eine lange Geschichte. Insgesamt war ich mehr als ein Jahr unterwegs. Ein Jahr bin ich im Sudan geblieben. Zum Glück habe ich Verwandte im Sudan, sodass ich dort unterkommen konnte. In diesem Jahr habe ich versucht einen sichereren Weg zu finden, als den über Libyen und das Mittelmeer. Endlich habe ich ein Visum für die Türkei bekommen. Dort war ich dann zwei Wochen. Bekannte konnten mir ein Visum für Kroatien besorgen, und so bin ich von Istanbul nach Zagreb mit dem Flugzeug geflogen. Mein nächstes Ziel sollte Italien sein, der Schleuser in Zagreb brachte mich allerdings zu einem LKW. An einem Tag bin ich mit dem Lastwagen bis nach Deutschland gefahren.

Mein Weg war noch recht einfach. Gerade im Vergleich zu den Anderen, die den gefährlichen Weg durch die Sahara, über Libyen und das Mittelmeer genommen haben. Manchmal fühle ich mich schlecht, wenn ich über meine Flucht erzähle. Andere Eritreer haben viel schlimmere Dinge erlebt, als ich. Natürlich war mein Weg auch gefährlich und nicht immer leicht, aber schneller und einfacher.

3. Wie war dein erster Eindruck von Deutschland?

Deutschland war eigentlich nicht mein Ziel. Ich studierte in Marokko Physik und habe dort auch die französische Sprache gelernt. Deswegen war mein Ziel Frankreich. Oder ich wäre weiter nach Schweden gegangen, weil dort eine Tante lebt. Aber ich bin in Passau gelandet. Von dort aus hat man mich mit dem Zug nach München geschickt. Vom Münchener Bahnhof aus wurde ich zur Bayern-Kaserne gebracht. Dort habe ich eineinhalb Monate gelebt.

Ich wurde hier in München sehr gut aufgenommen. Trotzdem sind mir die Wochen in der Bayern-Kaserne wie eine Ewigkeit vorgekommen. Ich fand es sehr langweilig. Danach bin ich nach Gilching gekommen, wo ich jetzt auch wohne. Ich bin in einem sehr angenehmen Haus mit zwölf Eritreern. Zwei Jungs teilen sich immer ein Zimmer. Ein kleiner Helferkreis in Gilching hat uns viel unterstützt. Sie haben sich um alles gekümmert, um Kleidung, um Kurse in der Schule und unsere Gesundheitsversorgung, wie zum Beispiel Arztbesuche.

4. Wie bist du auf die Idee gekommen Flüchtlingen zu helfen?

Im September 2015 ist diese große Menge an Flüchtlingen nach Deutschland gekommen. Damals konnte ich schon gut Deutsch. Im Fernsehen habe ich immer gesehen: Die Leute haben Angst. Sie wussten einfach nicht, was sie mit diesen vielen Menschen machen sollen. Ich hatte damals das Gefühl, dass es schwer für die Deutschen wird, diesen großen Strom an hilfesuchenden Menschen zu bewältigen. Jeden Tag habe ich so viele Flüchtlinge am Hauptbahnhof ankommen sehen. Ich wollte mit meinen Sprachkenntnissen helfen. Sie haben mir sehr geholfen, als ich hier angekommen bin. Ich wollte etwas zurückgeben. Ich habe zunächst versucht am Hauptbahnhof zu helfen. Dort war sehr viel Polizei, sodass ich nicht mit den Menschen reden konnte.

5. Woher kennst du Ärzte der Welt?

Letzten Oktober habe ich einen Freund, der weiter nach Frankfurt reisen wollte, zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) an die Hackerbrücke gebracht. Als mein Freund mit dem Bus abgefahren ist und ich mit der S-Bahn wieder nach Hause wollte, habe ich Eleni Doulianaki vom Ärzte der Welt mobil getroffen. Damals kannte ich sie noch nicht. Sie und ihre Kollegin Suzanne sind mit ihren Notfallmedizin-Rucksäcken rumgelaufen, um die Flüchtlinge medizinisch zu versorgen. Auf ihrer Jacke war das Symbol von Ärzte der Welt. Ich habe sie gefragt: „Helfen Sie den Flüchtlingen?“ Sie sagte: „Ja“. Ich meinte dann, dass ich Deutsch und natürlich Englisch und Französisch, Arabisch und Tigrinya spreche: „Wenn Sie möchten, kann ich für Sie übersetzten.“ Eleni war begeistert! Und hat mir ganz schnell auch die anderen Leute aus dem Projekt vorgestellt. Am gleichen Abend habe ich noch übersetzt. Damals waren viele Eritreer, Iraker und Syrer da. Auch Elenis Kollegin Suzanne hat gleich gefragt, ob ich wieder kommen und dolmetschen könnte. Und so bin ich seit Oktober da geblieben. Es hat mir auch sehr gut gefallen und viel Spaß gemacht. Die Mitarbeiter von Ärzte der Welt sind sehr nett und freundlich zu mir. Jedes Mal nach dem Einsatz habe ich auf meinem Heimweg das gute Gefühl, dass ich eine wertvolle und richtige Sache mache.

6. Was macht dir an der Arbeit als Dolmetscher besonders Spaß?

Es ist oft sehr lustig, wenn ich mit dem Team auf Einsätzen in den Unterkünften bin. Einmal sollte ich für eine sehr alte Frau aus dem Irak übersetzten. Auch im Arabischen gibt es viele Dialekte und Akzente. Ich kenne sehr viele, aber diese Frau habe ich nicht verstanden. „Ich habe..“ konnte ich noch verstehen, aber das dritte Wort fehlte mir. Sie fasste sich immer an den Arm. Wir haben lange aneinander vorbeigeredet, bis wir drauf gekommen sind: Sie wollte sich nur den Blutdruck messen lassen. Eine einfache Sache – aber wir haben eine Doktorarbeit daraus gemacht!

7. Gibt es auch Schwierigkeiten bei der Arbeit?

Oft übersetze ich auch für Malier oder Senegalesen. Mit ihnen spreche ich dann französisch. Aber die Sprachen im Kopf umzuschalten von einem Moment auf den anderen, fällt mir schwer. Wenn ich dann französisch sprechen will, kommen deutsche Wörter raus.

Was mich beim Dolmetschen ärgert ist, wenn beide Seiten, der Arzt und der Patient, auf einmal sprechen. Ich habe eine wichtige Aufgabe. Man muss die Probleme des Patienten gut verstehen und gut übersetzten. Nur so kann der Arzt eine Diagnose geben. Wenn ich mich nicht konzentriere übersetzte ich falsch oder nicht genau. Das ist eine meiner Sorgen. Aber manchmal übersetzte ich dem Doktor die Beschwerden und der Patient erzählt schon weiter. Das macht mich immer nervös. Wenn das passiert, sage ich: Bitte, halt! Ich muss erst eine Seite hören.

Für einen Arzt übersetzen zu können bedeutet, viele Fachbegriffe aus der Medizin zu kennen. Da fällt es mir schwer zu übersetzen. Trotzdem sind die Ärzte sehr nett und helfen mir auch mit den Fachwörtern weiter.

8. Was wünscht du dir für die Zukunft?

Es gibt viele Sachen, die man sich wünscht. Ich möchte ein besseres Leben haben. Das ist der größte Wunsch. Mein Ziel hier in Deutschland ist es, dass ich so gut wie möglich deutsch sprechen lerne. Danach möchte ich das Studium fertig machen und arbeiten. Ich möchte irgendwann nach Eritrea zurückgehen, wenn dort bessere Bedingungen herrschen. Ich wünsche mir auch, dass ich später einmal meinem Land helfen kann. Dort sind meine Familie, meine Freunde und meine Heimat.

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Ahmed Ibrahim bei einem Einsatz in einer Flüchtlingsunterkunft beim Übersetzten.

About Lena Schulze

Praktikantin im Bereich Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

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