Offene Sprechstunde bei open.med

Um halb vier stehen die ersten Patienten schon vor der Tür. Theresa Schmalfuß erklärt ihnen freundlich, dass die Sprechstunde erst in einer halben Stunde beginnt und bittet sie um etwas Geduld. Als es soweit ist, begrüßt sie die Patienten, hört sich ihre Beschwerden an und nimmt die Informationen auf. Das Wartezimmer füllt sich langsam, es wird bayrisch, rumänisch, spanisch gesprochen. Der ehrenamtliche Arzt ist schon angekommen, ebenso eine Dolmetscherin für bulgarisch, russisch und rumänisch. Wir befinden uns in der allgemeinen Sprechstunde von open.med, einem Projekt von Ärzte der Welt, das Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos und anonym einen Zugang zu medizinischer Hilfe und sozialer Beratung anbietet. Hier absolviert Theresa Schmalfuß, die im 5. Semester Medizin studiert, ein dreimonatiges Praktikum und hat freundlicherweise Zeit gefunden, uns über ihre Erfahrungen zu berichten.

Interview

5 Fragen an Theresa

1. Hallo Theresa, mit welchen drei Worten würdest Du Dich beschreiben?

Ich würde mich als empathisch, offen und anpassungsfähig beschreiben.

2. Was hat Dich bei einem Praktikum bei Ärzte der Welt und vor allem bei open.med am meisten gereizt?

Zuallererst passt es natürlich fachlich sehr gut zu meinem Medizinstudium. Vor allem beeindruckt und gereizt hat mich jedoch, dass Ärzte der Welt sich nicht nur auf medizinische Hilfe beschränkt – was natürlich außer Frage sehr wichtig ist – sondern sich auch politisch für diese Menschen einsetzt und etwas ändern möchte. So werden hier beispielsweise mit anonymen Patientendaten Studien erstellt, mit denen dann Einfluss genommen werden soll. Das ist etwas sehr Besonderes.

3. Was sind Deine Aufgaben bei open.med?

Zusammenfassend könnte man sagen, dass ich den Überblick haben muss. Das heißt, ich bin meistens hier vor Ort und helfe bei der Koordination der ehrenamtlichen Ärzte oder bei Fragen von Patienten. Dafür habe ich auch immer ein Telefon bei mir mit der open.med-Hotline, über die ich täglich von 10-18 Uhr erreichbar bin. Während der Sprechstunden nehme ich die Patienten in Empfang und führe die Anamnese durch.

4. Du bist jetzt schon seit fast drei Monaten bei open.med dabei. Gab es dabei ein Erlebnis, das Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es gab viele schöne und einmalige Erlebnisse. Eine Sache, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, begann mit einem Anruf auf der Hotline, ziemlich spät, ca. um 9 Uhr abends. Da ich das Telefon noch nicht ausgeschaltet hatte, ging ich dran und an der Leitung war ein Mann, der mir im gebrochenen Deutsch verzweifelt mitgeteilt hat, dass er einen älteren Mann gefunden hätte, dem es sehr schlecht ginge, er ihn aber nicht ins Krankenhaus bringen möchte, weil er Angst hat. Ich versuchte, ihn zu beruhigen und bat ihn, umgehend ins Krankenhaus zu fahren, er müsse keine Konsequenzen befürchten. Ich habe ihm angeboten, über das Telefon mit dem Arzt zu sprechen, und so haben wir es dann auch gemacht, nachdem er sich glücklicherweise überzeugen ließ, den Mann ins Krankenhaus zu bringen. Zwei Tage später rief er dann nochmal an und bedankte sich sehr herzlich, alles war gut gelaufen. Meistens erhalten wir keine Rückmeldungen, deswegen war das ein wirklich eindrucksvolles und schönes Erlebnis.

5. Was war während Deiner Zeit hier die größte Herausforderung für Dich?

Es gibt oft eine Sprachbarriere. Wir haben zwar meistens Dolmetscher hier, aber dann auch nicht für alle Sprachen und viele Menschen können kein Englisch sprechen. Das macht die Sache oft schwierig. Außerdem ist eine langfristige Behandlung und Therapie oft nicht möglich. Die Patienten fahren beispielsweise in ihre Heimat, wo sie eine ganz andere Behandlung bekommen, oder sie andere Medikamente verschrieben bekommen. Das macht eine stringente Therapie natürlich sehr schwierig.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Theresa.

Mehr Informationen zu dem Projekt open.med gibt es hier.

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Wartezimmer

About David Kläffling

Ehemaliger Praktikant im Bereich Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

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