Mit Ärzte der Welt im Ankerzentrum

Bei meinem Praktikum im Bereich psychische Gesundheit bei Ärzte der Welt und den damit verbundenen Einstätzen im Ankerzentrum Manching Ingolstadt habe ich vor allem eines gelernt: Niemand, und erst recht niemand mit Fluchthintergrund, sollte in einem Ankerzentrum leben müssen. Die Lebensbedingungen in Ankerzentren stellen eine Gefahr für die psychische Gesundheit aller geflüchteten Bewohner*innen dar. Und warum das so ist, das kann man ganz einfach und menschlich erklären.

Stellen Sie sich eine Frau vor, die vor Gewalt und Bürgerkrieg flieht. Sie wird bei der Durchquerung Libyens verhaftet. In dem libyschen Gefängnis, in dem sie festgehalten wird, wird sie über Monate schwer misshandelt und vergewaltigt. Als sie es endlich schafft, das Mittelmeer zu überqueren, kommt sie schwer traumatisiert in Deutschland an. Hier wird sie im Ankerzentrum Manching Ingolstadt untergebracht. Eine ehemalige Kaserne, überall Sicherheitskräfte, andauernde Polizeieinsätze. So hat sie keine Chance, ihre traumatischen Erlebnisse auch nur für eine kurze Zeit zu vergessen; sie wird durch ihre Umgebung ständig daran erinnert. Statt sich zu stabilisieren, wird sie nur noch kränker. Sie muss alle Mahlzeiten gemeinsam mit mehreren Hundert anderen Menschen in der Kantine einnehmen. Sich mit anderen Personen ein Zimmer teilen. Sie hat keine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Dazu kommt, dass ihr im Ankerzentrum jede Möglichkeit zur erlebten Selbstwirksamkeit genommen wird. Diese Frau hat so viel erlebt, ihr ist so viel passiert, dass sie in einem Gefühl der Ohnmacht über ihr eigenes Leben feststeckt. Und nun ist sie im Ankerzentrum, in dem das Sachleistungsprinzip herrscht. Das bedeutet, sie hat weiterhin keine Möglichkeit, aktive Entscheidungen zu treffen, das Gefühl des Ausgeliefertseins hält weiter an. Sie muss essen, wenn es eben Essen gibt. Sie muss die Kleidung tragen, die ihr gegeben wird.

Diese Frau bräuchte Betreuung und eine Umgebung, in der sie sich sicher fühlt. Aber stattdessen lebt sie im Ankerzentrum Manching Ingolstadt.

Mit diesen Eindrücken und vielen spannenden Erfahrungen beende ich nun mein Praktikum.  Ärzte der Welt ist für mich eine Organisation, die die Menschen und ihre Probleme auf individueller und struktureller Ebene wahrnimmt, auch wenn man dafür erst genau hinschauen muss.

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Praktikant im Bereich Fundraising und Marketing

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