Mehr als eine mobile Praxis: Die Brückenbauer vom MedMobil

Stell Dir vor, Du bist krank und brauchst Hilfe. Du gehst zu einem Arzt, aber der schickt Dich wieder weg. Für Dich unvorstellbar. Für viele Wohnungslose in Stuttgart bittere Realität.

Warum Wohnungslose oft nicht zum Arzt können

Jakob Reineke von Ärzte der Welt hat viele dieser Fälle betreut. Heute hat er vier Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle in München, zusammen mit einigen Promotern aus Stuttgart eingeladen, das Projekt zu besuchen. Im Café 72, einer Tagesstätte der Ambulanten Hilfe für Menschen mit und ohne Wohnung, empfängt er uns und erklärt die verschiedenen Gründe, warum Wohnungslose immer wieder von Ärzten abgewiesen werden. Manche haben keine Krankenversicherung, andere sind zwar versichert, werden aber trotzdem weggeschickt, weil die Vorurteile gegen Wohnungslose nach wie vor sehr groß sind. Aus Scham trauen sich viele deshalb schon gar nicht mehr zum Arzt. Auch deswegen ist die Gesundheit bei Wohnungslosen ein Problem: Wohnungslose Männer sterben zehn Jahre früher als der Durchschnitt.

Projektreferent Jakob Reineke zeigt uns das MedMobil. Foto: David Gohlke

Jakob Reineke und seine Kollegen wirken im Café 72 und im MedMobil, einem Gemeinschaftsprojekt von Ärzte der Welt und der Ambulanten Hilfe dagegen. Sie fahren mit der mobilen Praxis unter anderem verschiedene Treffpunkte von Wohnungslosen an – dabei geht es nicht nur darum die Menschen zu behandeln, wie Jakob erklärt: „Wir sehen uns eher als Brückenbauer. Es soll kein Parallelsystem für die Betroffenen geschaffen werden, sondern vielmehr geholfen werden, sie wieder ins Regelsystem zu integrieren. Das ist oft ein langwieriger Prozess.“

Aber auch als Brückenbauer geht es zuerst darum, eine persönliche Basis mit den Wohnungslosen zu schaffen: „Viele Wohnungslose haben in ihrem Leben schlechte Erfahrungen gemacht – auch mit Ärzten, deshalb geht es am Anfang darum Vertrauen aufzubauen“, sagt Jakob. Das gelingt ihm meistens sehr gut, auch weil das MedMobil unter den Obdachlosen mittlerweile bekannt ist. „Manchmal erkennen mich die Patienten in der Bahn und wir plaudern ein bisschen. Die Blicke, die man da bemerkt, lassen einen erahnen, wie es sich anfühlen muss wohnungslos zu sein und warum viele sich nicht trauen, in eine normale Praxis zu gehen.“

Das MedMobil: Hilfe für Körper und Seele

Nach der allgemeinen Einführung in die Projektarbeit im Café 72, fahren wir gemeinsam in den Schlosspark.

Behandlung von Brandwunden im MedMobil. Foto: David Gohlke

Dort ist an diesem Tag das MedMobil im Einsatz und Jakob zeigt uns die Ausstattung des speziellen Krankenwagens. Im Innenraum gibt es verschiedene Schränke mit Medikamenten und sonstigem Material wie beispielsweise Verbandszeug. Außen kann man eine Klappe öffnen und findet Teebeutel und Thermoskanne. Manchmal hilft eben auch einfach ein warmes Getränk und etwas Zuwendung. Hinter einer anderen Klappe verbergen sich verschiedene Materialien, die gesundheitliche Risiken beim Drogenkonsum einschränken sollen, wie frische Spritzen oder Desinfektionsmittel. „Wenn die Patienten schon Drogen nehmen, sollen sie dies wenigstens mit sauberem Besteck machen“, erklärt uns Jakob. Wenn der Patient eine Versicherung hat und einen Entzug wünscht, kann dieser organisiert werden. Ohne Versicherung ist es wiederum extrem schwer einen Therapieplatz zu bekommen, da diese Plätze sehr begehrt sind. Viel wichtiger ist aber die Betreuung danach, da bei Suchterkrankungen immer eine hohe Rückfallgefahr besteht.

Eine schwere Arbeit, doch sie hilft

Es sind also viele Herausforderungen, die die Mitarbeiter vom MedMobil täglich meistern müssen. Immer wieder gibt es Rückschläge und nicht allen kann geholfen werden. Aber für viele kann ein Unterschied gemacht werden, Schritt für Schritt. Wie bei einem Patienten, dem eine Zahn-Operation ermöglicht wurde. Dieser hatte nach der OP ein ganz neues Selbstwertgefühl, weil er nicht mehr schief angesehen wurde. Das begünstigte wiederum den nächsten Schritt, die Jobsuche.

Der Besuch gab uns einen Einblick in eine Parallelwelt, an der man in den Fußgängerzonen nur allzu gerne vorbeiläuft, die aber vor unserer Haustür existiert. Die beeindruckende Arbeit von Jakob und seinen Kollegen ermöglicht vielen Menschen wieder den Zugang zu der Welt, die wir als selbstverständlich sehen: Einer Welt, in der man vom Gesundheitssystem nicht im Stich gelassen wird und in der man einfach zu Arzt gehen kann, wenn man krank ist.

About León Kottmann / Admin

Praktikant im Bereich Fundraising und Marketing

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