Interview mit Annelie: Aufenthalt als Volunteer auf der griechischen Insel Lesbos

  1. Was ist dein Lebensmotto?

Ich lebe nach dem Motto: „Actions speak louder than words!“

  1. Wie blickst du auf deine Zeit bei Ärzte der Welt/ open.med als Praktikantin zurück? Was hat dir besonders gut gefallen? Was hast du gelernt?

Meine Zeit als Praktikantin bei open.med war jetzt im Nachhinein betrachtet sehr lehrreich. Die abwechslungsreiche Arbeit hat mir sehr geholfen zu erkennen, was ich für mich will – und auch was ich schon kann und was eben nicht. Ich habe es immer sehr genossen in einem interkulturellen und multiprofessionellen Team zu arbeiten. Dadurch lernt man nie aus und außerdem ist es immer amüsant. Der medizinische Kontext war genau mein Ding. Da ich Krankenschwester bin, kam mir vieles bekannt vor und ich konnte mein Vorwissen in einem neuen Umfeld einbringen. Am liebsten habe ich mit dem damaligen Projektassistenten, jetzt Projektleiter, Cevat Kara zusammengearbeitet. Von ihm hätte ich noch viel mehr lernen können, die Zeit war leider viel zu kurz. Auch die Dolmetscherin Kalina Milenkovska war wie eine aufgehende Sonne im täglichen Praxisbetrieb, der manchmal auch hektisch wurde.

  1. Was hat dich dazu bewegt nach Lesbos zu gehen?

Zusammen mit meinem Partner, der Kinderkrankenpfleger ist, hatte ich diesen Sommer den Plan, in einer Organisation oder individuell, eventuell auch mit No Border-Aktivisten oder ähnlichen, zu arbeiten. Um konkrete Ansprechpartner zu haben, fragte ich Suzanne vom Ärzte der Welt Team, ob es über sie Möglichkeiten gäbe. Sie kontaktierte die Athener Crew und es klappte. Wir konnten uns aussuchen, wohin genau und so dachten wir auf Lesbos ist sicher viel zu tun. Es war irgendwie intuitiv, nicht auf dem Festland nach einem Projekt zu suchen. Somit bin ich nach meinem Praktikum  auf die griechische Insel gegangen, um dort das Team von Ärzte der Welt Griechenland im Flüchtlingscamp Moria zu unterstützen.

  1. Was waren deine Erwartungen bezüglich Lesbos?

Meine Erwartungen waren sehr gemischt. Beeinflusst ist man ja immer durch die Medien und dazu kommen die Erwartungen, die man an sich selbst hat. Man möchte etwas voranbringen und eine riesengroße Hilfe sein. Im Laufe der Zeit muss man dann lernen, dass dies gar nicht so einfach und unkompliziert ist, wie man sich das dachte. Am Anfang weiß man nicht, welche Unterstützung sinnvoll ist und welche nicht. Da muss man sich erst hinein finden.

  1. Wie sah die Realität letztendlich dort aus? Haben sich deine Vorstellungen erfüllt?

Meine Wochen dort waren intensiv, eher psychisch als körperlich. Leider war es für mich als freiwilliger Helfer nicht so einfach, mich in kürzester Zeit an die Strukturen vor Ort anzupassen. Vielleicht geht das aber auch gar nicht. Manche des Teams sagten auch, dass jeder Tag im Camp so unerwartet anders verläuft, dass man sowieso nie etwas planen kann. Vor allem in der medizinischen Hilfe, aber auch mit der Logistik, bei der ich teilweise mitgeholfen habe, muss man auf jeden Notfall vorbereitet sein. Viele der Mitarbeiter kamen mir schon allein deshalb  überarbeitet vor. Und dann kommen noch diverse andere Bedingungen dazu, die einem die Arbeit und das Helfen nicht gerade einfach machen. Es war aber trotz alledem auch irgendwie schön, Kontakt zu den Flüchtlingen zu haben. Es gab viele, die sich im Camp gelangweilt haben. Dadurch, dass sie immer da waren, kam es aber auch zu  interessanten Konversationen und zwischenmenschlichen Austausch. Im Grunde könnte ich ein ganzes Buch über meine Gefühle von diesen paar Wochen füllen und werde mich für immer daran erinnern.

  1. Ist etwas total Unerwartetes dort passiert?

Unerwartet war mein Kontakt zum griechischen Team von Ärzte der Welt. Leider musste ich die Erfahrung machen, dass durch die Professionalität, die sie hatten und haben, es für freiwillige Helfer schwierig ist mit zu machen. Angefangen mit der Sprachbarriere. Übersetzt wurde ja in einer Patientenkonsultation von Arabisch/Farsi/Französisch/Spanisch usw. auf Griechisch. Seltener auf Englisch, und dann ja nur für mich oder andere Volunteers. Wie oben erwähnt, muss man sich daran gewöhnen. Nur, weil man jetzt in Westeuropa viel gelernt hat, heißt das nicht, dass dies an anderen Orten immer so zu 100 Prozent auch umgesetzt werden kann. So gab es auch Zeiten, in denen ich mir relativ nutzlos vorkam. Dann aber auch wieder nicht, weil ich medizinisch was leisten konnte. Es ist auch eine Frage der Geduld.

  1. Was war dein schönstes und bewegendstes Erlebnis dort?

Bewegende Erlebnisse gab es zu Hauf. Zum Beispiel, wenn man mit dem Logistik-Team einer Familie einen lang ersehnten Kinderwagen aushändigen konnte. Manchmal auch einfach nur Wasser. Oder ein Gespräch. Einen bitteren Beigeschmack trug ich jedoch immer mit mir herum, etwa, wenn ich durch das Camp gelaufen bin und an stinkenden, in der Hitze stehenden Mülltonnen vorbei kam. Oder beim Anblick der Menschen in überfüllten Zelten direkt auf staubigem Boden, kaum Schatten und nichts zu tun, Ödnis.

Froh war ich auch einmal, als eine etwa 70-jährige Irakerin auf mich zu kam und mich auf Deutsch ansprach. Ich fragte sie, woher sie die Sprache so gut könne. Es kam nur das eine mal vor in meiner Zeit dort, dass jemand fließend deutsch sprach. Sie meinte, sie habe es von Youtube gelernt. Es war total schön, sie so glücklich zu sehen, ihr gelerntes nun anwenden zu können. Ich frage mich bis heute, ob es ihr noch etwas „gebracht hat“, ob sie und ihre Familie nach Deutschland kommen können…

  1. Wie geht es nun für dich weiter?

Ich beende gerade mein Anthropologie Studium in Leipzig und hoffe irgendwann danach einen guten Master anschließen zu können.

 

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