Die Dolmetscher: Manager der Sprachbarriere

Sprechstunde bei open.med: in die Praxis strömen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, wobei die verschiedensten Anliegen in genauso viel verschiedenen Sprachen vorgetragen werden. Das Hauptziel der medizinische Anlaufstelle „open.med“ von Ärzte der Welt im Zentrum Münchens ist es, den Zugang zur medizinischen Grundversorgung für alle Menschen in Deutschland zu ermöglichen. Ganz gleich ob sich diese illegal im Land aufhalten, ob EU-Bürger oder aus EU-fremden Ländern. Doch wie kann der Arzt die Menschen behandeln, ohne sie zu verstehen? Hier kommen nun Personen wie Cevat Kara und Kalina Milenkovska zum Einsatz. Beide sind Mitarbeiter bei open.med und können durch ihre Sprachkenntnisse einen wichtigen Beitrag bei der Versorgung der Patienten leisten.

Kalina Milenkovska am Empfang bei open.med
Kalina Milenkovska am Empfang bei open.med

 

1. Wenn ihr euch in 3 Wörtern beschreiben müsstet, welche wären das?

Kalina: Mitfühlend, offen für Neues und Neugierig. Ich denke, das sollten auch die Eigenschaften eines Dolmetschers sein.

Cevat: Das kann ich nicht. Mir fällt nur eine Eigenschaft ein: Ich leide an notorischer Unpünktlichkeit. Das ist fast schon ein Fluch, egal was ich unternehme, an meiner Unpünktlichkeit ändert sich nichts.

2. Woher stammst du und was ist deine Aufgabe bei open.med?

Kalina: Ich bin in Jugoslawien, im heutigen Mazedonien geboren. Ich lebe aber schon seit über 20 Jahren in Deutschland. Bei open.med arbeite ich seit fünfeinhalb Jahren als Dolmetscherin für viele Balkan-Sprachen. Ich übersetzte beispielsweise Serbisch, Kroatisch, Bulgarisch und Mazedonisch.

Cevat: Meine Familie stammt aus einem kleinen Dorf bei Tirebolu am östlichen Rand der türkischen Schwarzmeerküste. Meine Eltern sind Anfang der 70er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Ich selbst bin in München geboren. Bei open.med bin ich seit Januar 2012 engagiert. Lange Zeit war ich als ehrenamtlicher Dolmetscher für Türkisch tätig. Daneben versuchte ich auch bei Bedarf meine Persischkenntnisse aus dem Studium zu nutzen. Seit letztem Jahr arbeite ich als Projektassistent bei open.med. Zu meinen Hauptaufgaben gehört die operative Koordination und Organisation der Sprechstunden, psychosoziale Anamnese, Beratung und Betreuung der Klienten und die Begleitung des ehrenamtlichen (medizinischen) Teams. Daneben führe ich auch weiterhin meine Dolmetschertätigkeit fort.

3. Ist dir ein besonderes Erlebnis bei open.med im Gedächtnis geblieben?

Kalina: Sehr viele schöne Erlebnisse habe ich in der Frauensprechstunde miterlebt. Dort kommen immer viele Mädchen und Frauen mit ihren Babys. Es ist einfach immer wieder ein schönes Erlebnis ihnen helfen zu können.

Cevat: Jede Sprechstunde bei open.med ist ein besonderes Erlebnis. Vor allem als Dolmetscher: Man ist jemand, der die gleiche Sprache wie die Patienten spricht. Da bekommt man die Geschichten und den Hintergrund aus erster Hand und ungefiltert mit. Beispielsweise hatten wir erst kürzlich einen Fall:

open.med wurde von einem älteren, krebskranken, äußerst geschwächten und nicht mobilen Herrn telefonisch kontaktiert. Der Patient war über 180 cm groß und wog nur noch ca. 50 Kilogramm. Unsere Kontaktdaten erhielt er vom Sozialbürgerhaus, die ihm in dieser Situation nicht weiterhelfen konnten. Der Mann war privatversichert, hatte daher also die Kosten für Medikamente und Hilfsmittel im Voraus aus der eigenen Tasche gezahlt. Da er sich kürzlich einem schweren operativen Eingriff unterzog, im Anschluss eine Reha hatte und sich wegen seinem allgemeinen Zustand nicht um ältere Rechnungen kümmern konnte, fehlte ihm das Geld, um die Medikamente zu besorgen, die ihm verschrieben wurden. Er benötigte diese Mittel dringend. Er hatte keine Angehörigen, die sich um ihn kümmerten, deshalb suchte er uns um Hilfe an. Kurzerhand entschlossen sich unsere Mitarbeiter in Absprache mit einem Arzt, seine Medikamente zu besorgen und direkt zu ihm nach Hause zu bringen.

Wie man sieht, bringt diese unfassbare Geschichte die Schwächen des bestehenden Gesundheits- und Krankenversicherungssystems augenscheinlich zu Tage und verdeutlicht die Notwendigkeit und Bedeutung unserer Arbeit bei open.med.

4. Gibt es manchmal Schwierigkeiten bei deiner Arbeit?

Kalina: Häufig sind es das schwierige Vokabular und die vielen medizinischen Fachwörter, die eine Barriere darstellen. Patienten, die zu uns in die Sprechstunde kommen, haben häufig einen relativ niedrigen Bildungsstand. Viele kennen die medizinischen Fachwörter auch in ihrer eigenen Sprache nicht. Doch auch ich habe während meiner Arbeit als Dolmetscherin sowohl sprachlich als auch medizinisch einiges dazu gelernt.

Cevat: Wir helfen vielen Menschen, aber oft stoßen wir an unsere Grenzen. Vor allem dann, wenn wir Menschen nicht die Versorgung anbieten können, die für einen normalen krankenversicherten selbstverständlich wären. Das ist etwa bei kostspieligen chirurgischen Eingriffen der Fall, die nicht in die Kategorie „Notfallversorgung“ fallen: Dazu gehörten Entbindungen, kostspielige Diagnosen, Physiotherapie oder Massagen. In der Regel gibt es auch eine direkte Verknüpfung zwischen prekären Lebensumständen und Erkrankungen. Hier können wir häufig nur eine „Durchhaltemedizin“ realisieren. Das kann sehr frustrierend sein.

Ich habe viele Notfälle miterlebt. Bei open.med, wie auch im Rahmen unseres mobilen Projekts „Ärzte der Welt mobil“ zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen. In beiden Projekten spielt bei unserer Zielgruppe die Sorge um die eigene Gesundheit oft eine sekundäre Rolle. Die Menschen sind viel mehr mit anderen existentiellen Problemen wie Essen, Unterkunft, Kleidung, oder dem Erreichen des Bestimmungsorts beschäftigt. Folglich kommen sie oft erst dann zu uns, oder erreichen wir sie erst, wenn die gesundheitlichen Probleme ein gravierendes Ausmaß angenommen haben.

5. Wie bist du zu Ärzte der Welt gekommen? Und was gefällt dir besonders an der Arbeit von Ärzte der Welt?

Cevat: Ich war lange Zeit auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Aufgabe für eine humanitäre Hilfsorganisation. Es ist wirklich nicht einfach mit meinem Hintergrund als Orientalist/Historiker eine solche Tätigkeit zu finden. Ärzte der Welt gab mir diese Möglichkeit. Inzwischen denke ich, dass mein persönlicher Hintergrund, meine Erfahrungen und fachlichen Kenntnisse eher einen Vorteil bei der Erfüllung meiner Aufgabe darstellen. Denn ein wichtiger Bestandteil unserer Aufgabe ist es, den Menschen, die zu uns kommen, vor allem mit Empathie zu begegnen, sie mit offenen Armen zu empfangen und ihnen Mut zum Durchhalten zu geben.

Ganz salopp ausgedrückt, gefällt es mir für die „Guten“ zu arbeiten. Mir gefällt, dass bei Ärzte der Welt der Anspruch an Maxime der fundamentalen Menschenrechte nicht nur ein Ideal bleibt, sondern tatsächlich in den Projekten umgesetzt wird. Niemand wird ausgegrenzt und jeder Mensch wird mit seinen Anliegen ernstgenommen. Vor allem der Aufbau der Projekte in entwickelten Ländern finde ich im Unterschied zu anderen internationalen Hilfsorganisation beispielhaft. Es gefällt mir, dass ich für eine NGO arbeite, die keinen riesigen Verwaltungsapparat besitzt, bei der jeder Mitarbeiter den anderen persönlich kennt und sich jeder, unabhängig von seiner Position, einbringen kann. Auf gleicher Ebene findet jeder Gehör: sei es ein Praktikant, ein Ehrenamtlicher oder ein Bereichsleiter. Persönlich finde ich meine „Feldarbeit“ sehr anregend, ich brauche und schätze den direkten Kontakt zu den Menschen.

Kindersprechstunde bei open.med
Kindersprechstunde bei open.med

Bei open.med arbeiten derzeit drei hauptamtliche Dolmetscher: Kalina Milenkovska für Bulgarisch, Servo-Kroatisch und Russisch, eine Dolmetscherin für Türkisch und Kurdisch und ein weiterer Dolmetscher für Türkisch. Alle drei dolmetschen je nach Bedarf direkt in der Sprechstunde oder begleiten Patienten zu Arztterminen. Daneben gibt es weitere ehrenamtliche Dolmetscher für viele verschiedene Sprachen, die bei Bedarf kontaktiert werden.

Mehr Informationen zu dem Projekt open.med gibt es hier.

About Valentin Grünwald

Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

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