Aufstand der Leisen – im Namen der Menschlichkeit

Am Sonntag den 23. April 2017 trafen sich laut Veranstalter 1.500 Helfer und Interessierte zur Vollversammlung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe auf dem Marienplatz. Neben zahlreichen lokalen ehrenamtlichen Helferkreisen nahmen auch mein Kollege und ich im Namen von Ärzte der Welt an der Veranstaltung teil, um ein Zeichen für mehr Humanität im Umgang mit Geflüchteten zu setzen.

Es ist schon eineinhalb Jahre her, als Geflüchtete jubelnd am Münchener Hauptbahnhof empfangen wurden. Die Bilder von der Willkommenskultur gingen um die Welt. Seitdem sind es hauptsächlich Ehrenamtliche, die sich tagtäglich für die Integration und Betreuung der Geflüchteten einsetzen. Für Ärzte der Welt sind ehrenamtliche Ärzte und Dolmetscher im Einsatz, um Geflüchtete in den Unterkünften medizinisch zu versorgen. Doch viele Helfer fühlen sich mittlerweile von der Politik im Stich gelassen.

Mehr Dialog, weniger Abschiebungen

Der Blick von oben auf die Demo

Thomas Lechner, Veranstalter der Vollversammlung, beklagt in seiner Eröffnungsrede, dass viele ehrenamtliche Helfer sich mittlerweile „veräppelt“ vorkommen. Vor allem in Bayern wolle die Regierung heute nur noch „Abschiebungen, Abschiebungen, Abschiebungen“- und das ohne Absprache mit den Helfern. Auch ein Patient, den die ehrenamtliche Ärztin Dr. Stephanie Hinum von Ärzte der Welt  psychiatrisch behandelt hatte, war unter den Personen, die nicht mehr geortet werden konnten. Das macht die Arbeit für die Ehrenamtlichen oft unvorhersehbar und schwierig. Deswegen fordert Lechner in seiner Rede mehr Humanität und einen verstärkten Dialog mit den Helfern.

Trotz der Unzufriedenheit, die viele Ehrenamtliche aufgrund dieser Umstände verspüren, war die Stimmung auf der Vollversammlung ansteckend herzlich. Lechner sprach von der „positiven Kraft unseres Engagements“, mit der man Mitmenschen überzeugen und Einfluss auf die Politik nehmen könne. Bislang war die öffentliche Debatte zunehmend von PEGIDA und der Angst vor zu vielen Geflüchteten bestimmt worden. Die Ehrenamtlichen waren oft zu leise, auch weil sie mit ihrem aufopfernden Engagement schlicht schon genug zu tun hatten. Jetzt wollen sie gehört werden – von der Öffentlichkeit, aber auch von den Entscheidungsträgern.

„Ein Gesetz ist doch keine Laune“

Die Erfahrung der Engagierten zeigt, dass oft nicht die Gesetze das Problem sind, sondern deren willkürliche Auslegung seitens der Behörden. Diese Erfahrung hat auch Ruzbeh Sadeghi gemacht, der  selbst einst aus dem Iran nach Deutschland floh und später lange ehrenamtlich arbeitete. Er berichtet von jungen Geflüchteten deren Arbeitserlaubnis für eine Ausbildung in München angenommen wird, während ein paar Kilometer weiter in Ebersbach die Vorschriften auf einmal anders ausgelegt würden. „Ein Gesetz ist doch keine Laune“ empört er sich über die willkürliche Ablehnung, die das Schicksal einiger Geflüchteten bestimmt.

Diese Unsicherheit hat oft psychische Folgen für vor Allem junge Geflüchtete. Wird ihr Antrag für eine Arbeitserlaubnis oder auf Asyl abgelehnt, befürchten sie jede Nacht abgeschoben zu werden. Dr. Stephanie Hinum betreut solche Fälle in den Unterkünften. „Wir beobachten, dass viele Menschen unter massiven Schlafstörungen, Angst und Depressionen leiden.“ berichtet sie. „Eine bereits beeinträchtigte psychische Gesundheit wird durch das Vorgehen der Behörden weiter destabilisiert – mit unabsehbaren Konsequenzen.“ Die Süddeutsche Zeitung recherchierte, dass 2016 in Bayern 162 Geflüchtete versuchten sich selbst zu töten, vier davon starben. In Gedenken daran schwiegen die Versammelten auf dem Marienplatz für eine Minute.

Diskussionsrunden mit Geflüchteten

Ärzte der Welt vor Ort

Nach den Reden und der Schweigeminute fand das Herz der Versammlung statt: die Diskussionsrunden. Zu verschiedenen Themen wie Bildung, Wohnraum oder Abschiebungen fand man sich in Gruppen von zehn bis ca. 50 Menschen zusammen und tauschte Erfahrungen aus. Wer um 17 Uhr auf den Marienplatz kam, fand dort mehrere Grüppchen vor, die im Kreis versammelt standen und angeregt diskutierten. Bei den Runden wurde viel Wert darauf gelegt, dass man nicht nur über die Geflüchteten redet, sondern dass man sie auch selbst zu Wort kommen lässt. Es geht schließlich um sie und darum, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern.

Wir sind froh, dass wir dabei waren. Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass es immer noch viele Leute gibt, die sich selbstlos engagieren. Und seit Sonntag auch ihre Stimme erheben. Man kann nur hoffen, dass sie gehört werden.

About León Kottmann / Admin

Praktikant im Bereich Fundraising und Marketing

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