Lara Brose half mehrere Wochen in Idomeni im Flüchtlingscamp.

22-Jährige hilft in Idomeni

Lara Brose ist ehemalige Praktikantin von Handicap International und stattete der Organisation im April einen Besuch ab. Die 22-Jährige war erst kürzlich in Griechenland auf Lesbos und Idomeni um sich vor Ort für Flüchtlinge in den Camps zu engagieren. Da sich Ärzte der Welt e.V. die Büroräume in der Geschäftsstelle in München mit Handicap International teilt, durften wir Praktikanten am Treffen teilnehmen. Bei einem kleinen Meeting in gemütlicher Kaffeerunde hat die Theaterwissenschafts-Studentin ihre Eindrücke und Erlebnisse mit uns und ihren ehemaligen Arbeitskollegen geteilt.

Es ist darauf hinzuweisen, dass das Flüchtlingscamp in Idomeni seit dem 24.05.16 geräumt wird. Dennoch wollten wir euch Laras Eindrücke nicht vorenthalten. Weitere Informationen zur Räumung findet Ihr hier.

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Fotos: Aid Delivery Mission

6 Fragen an Lara

1. Liebe Lara, mit welchen 3 Worten würdest du deine Zeit in Idomeni beschreiben?

Die Zeit in Idomeni war für mich aufwühlend, erfahrungsreich und intensiv.

2. Wie kam es dazu, dass du in Idomeni geholfen hast? Wie lange warst du dort?

Neben dem Studium engagiere ich mich schon seit einigen Jahren in verschiedenen flüchtlingspolitischen Gruppen mit Themen rund um Migration und Bewegungsfreiheit. In München bin ich auf die „Karawane“ gestoßen, eine Gruppe, die sich für die Rechte geflüchteter Menschen einsetzt. Bedarf an Unterstützung gibt es ja immer, deshalb habe ich mich in den Flieger gesetzt und bin einfach nach Griechenland geflogen. Ich wollte begreifen, wie die betroffenen Menschen in den Flüchtlingslagern leben und was gerade an den europäischen Grenzen verhandelt wird.

Ich startete meine Reise am 28. Februar geflogen und war dann sechs Wochen, bis Mitte April, in Griechenland. Zunächst war ich auf Lesbos. Dort war die Situation derart im Wandel, dass ich mir durch Gespräche mit Aktivisten und Aktivistinnen aus verschiedenen Kontexten erst einmal einen Überblick verschaffen wollte. Vor der Insel waren viele NATO-Schiffe, die man auch ohne Fernglas im Meer sehen konnte. Die Situation in Moria, das zu diesem Zeitpunkt zentrale Registrierungsstelle war, hat sich immer mehr verändert: Frontex, die EU-Grenzschutzagentur, und das Militär haben Stacheldrahtzäune um das Gelände hochgezogen, was den Zugang erschwert hat. Nach einer Woche Lesbos bin ich mit der Fähre auf das Festland zurück, nach Idomeni.

3. Was waren deine Aufgaben in Idomeni?

Viele Helfer kamen aus den Niederlanden oder auch aus Deutschland. Die Unterstützungsmöglichkeiten sind sehr divers. Ich war zum Beispiel Mitglied der Info-Gruppe, die versucht, geflüchtete Menschen so gut es geht mit Informationen zu versorgen. Wir erstellten Flyer mit Informationen zum Asylverfahren in Griechenland, dem Relocation Programm der UN oder aktuellen Ergebnissen von EU-Konferenzen. Diese Aufgabe wird von keinen offiziellen Behörden oder Nicht-Regierungs-Organisation übernommen. Die Flüchtlinge bekommen Informationen aus den verschiedensten Quellen und wissen nicht wem sie glauben können. Das erschwert ihnen die Situation zusätzlich. Zudem half ich noch bei einer selbst organisierten Küche aus, die täglich Essen für 8.000 Menschen zubereitete.

4. Wie war die Gesamtstimmung dort und welchen Eindruck hast du von der Situation?

Die Lage ist fatal. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in Europa tatsächlich passieren kann. Es ist chaotisch. Im März umfasste das Camp 13.000 Menschen. Die provisorisch aufgebauten Zelte standen direkt auf dem Boden. Der Schlamm hatte im Winter Decken, Schlafsäcke und Planen druchgeweicht. Tauschende Geflüchtete campen direkt neben den Zugschienen. Kleine Kinder von zwei, drei Jahren sitzen teils unbeaufsichtigt an offenen Feuerstellen. Über dem Camp hing der Geruch von verbranntem Plastik. Das mazedonische Militär steht schwer bewaffnet hinter dem NATO Stacheldraht. Trotzdem sind die Menschen stark. Wann immer ich jemandem ein Lächeln zuwarf, bekam ich eins zurück.

In den Camps leben fast ausschließlich Familien. Die Frauen sind oftmals zurückhaltender, deshalb fallen die jungen Männer teilweise mehr auf. Sie sind einfach präsenter, auch in den Medien. Ich schätze, dass circa ein Drittel der Flüchtlinge in Idomeni Kinder sind.

Verzweiflung und Aggression nehmen dort von Woche zu Woche zu. Besonders nach der Aktion, bei der hunderte Flüchtlinge versuchten die geschlossene griechisch-mazedonische Grenze über einen Fluss zu erreichen, war die Frustration groß. Einige haben resigniert, andere sind wütend und warten auf die nächste Gelegenheit, an diese Grenze zu marschieren.

5. Wie hast du die Situation am Fluss erlebt und gab es Situationen in denen es gefährlich wurde?

Die Stimmung im Camp war wirklich verzweifelt und es war klar, dass hunderte Menschen entschieden waren, zur Grenze zu marschieren. Es hat geregnet, es war kalt, überall war Matsch. Außerdem wurde es bald dunkel. Viele Freiwillige standen stundenlang im Fluss, um das Schlimmste zu verhindern. Die Polizei sperrte in den Abendstunden dann den Zugang zum Fluss und ließ niemanden mehr zum Ufer. Plötzlich verließ die ganze Polizeitruppe den Ort. Die Familien liefen einfach auf den Fluss zu, mitten in der Nacht. Das ist schon ein eindrückliches Bild, wenn man sieht, wie ein Vater seine Tochter in der Dunkelheit durch so einen Fluss trägt. Die Menschen schliefen in der Kälte unter freiem Himmel. Viele fragten nach einem Arzt, Kinder haben geschrien. Bis auf etwas Suppe gab nichts zu Essen. Am nächsten Morgen begann das mazedonische Militär, die Menschen einzukesseln und zurück in die Lager zu schicken. Der Weg zurück ins Camp war für die Familien ein Sechs-Stunden-Marsch. Viele Freiwillige und einige Journalisten wurden festgenommen. Die Menschen, die die Grenze übertreten hatten, wurden zurück nach Idomeni gebracht.

6. Gab es noch weitere einprägsame Erlebnisse?

Es gibt viele Geschichten und Situationen, die ich nicht vergessen werde. Eine syrische Frau beispielsweise, die im achten Monat schwanger war: Das Kind musste im Krankenhaus per Kaiserschnitt geholt werden. Die Frau wurde nach zwei Tagen entlassen! Unverantwortlich, ein Kaiserschnitt ist immerhin eine große Operation – Das würde hierzulande nie passieren! Die Frau hatte Schmerzen und stürzte im Dixi-Klo mit ihrem Baby im Arm – die Narbe des Kaiserschnitts riss wieder auf.

Besonders einprägsam war der Moment, in dem ich wieder nach Hause geflogen bin. Da fühlt man sich schuldig – Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich frei zu bewegen, unabhängig von Pass, Nationalität und Bildungsgrad. Emotional und rational ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum ich mit meinem Pass in den Flieger steigen kann und diese Menschen nicht.

Vielen Dank, Lara!Jetzt Spenden

About Lena Schulze

Praktikantin im Bereich Medien- und Öffentlichkeitsarbeit

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